PALESTINE WILL BE FREE
Installation, Kunsthaus 2009


Kurzbeschreibung

„Es herrscht eine Unklarheit wie die Zeichen und Symbole in der Arbeit gelesen werden sollten. Auch der formale Status der Arbeit ist nicht festzulegen. Die Unentscheidbarkeit und der Kontrollverlust fungieren hier als Schlüsselerlebnisse.“



Palestine will be free

Anlässlich der Abschlusspräsentation des 28. Jahrgangs der Stipendiaten des Arbeitsstipendiums der Stadt Hamburg zeigte Adnan Softić im Kunsthaus Hamburg die Arbeit „Palestine will be free“.

Formal bezieht sich der zunächst sichtbare Teil der Installation – eine angeschrägt in den Raum geschobene Wand mit Ständerwerk, auf deren Schaufläche ein gekipptes schwarzes Rechteck gemalt ist – auf die revolutionären russischen Avantgarden bzw. den Kanon der Konstruktivistischen Internationale. Die Verwendung oder besser: Anwendung derer Zeichen verweist unmittelbar auch auf die utopischen, gesellschaftlichen Kontexte jener Bewegungen, welche diesen eingeschrieben sind.

Noch im Moment des kontemplativen Betrachtens der schwarzen Fläche durchbricht eine opake Sensation deren Status der „absoluten Gegenstandslosigkeit“ und lässt zunächst einzelne Lichtpunkte, später pyrotechnische Formationen in Gänze erscheinen, die von einem gegenüberliegend installierten Projektor auf die Fläche geworfen werden. Die abstrakte Geste des reinen Schwarz weicht einem schwarzen Nachthimmel, die Klärung des Blicks dem Starren in Erwartung weiterer Feuerwerke. Gleichwohl bleibt die Anmutung erhaben, die projizierten Feuerwerke schaffen sich augenblicklich ihren eigenen Kontext in ihrer Ambivalenz aus Feierlichkeit und Verlorenheit, in die sich eine Ahnung um zerstörerische Potenziale einschleicht.
Jene Ahnung wird befeuert durch ein weiteres Element der Installation, welches – bis hierhin als formales Detail präsent – in seiner Bedeutung ungreifbar geblieben ist: ein halb hängendes, halb am Boden liegendes Plakat, auf dem eine in gestalterischer Einfachheit abgebildete Landkarte mittels grauer und weißer Flächen den Umfang des Verlusts palästinensischen Landes zwischen den Jahren 1945 und 2000 belegt.
Angesichts des zum Zeitpunkt der Ausstellung (Januar 2009) währenden kriegerischen Konflikts im Gaza-Streifen erfahren Plakat und Feuerwerke eine beklemmende Aktualität und formale Analogie.
Die zur damaligen Zeit durch die Medien übermittelten Bilder von
„Kriegstouristen“, die aus sicherer Entfernung die verheerenden Bombardements als Spektakel beobachten, bestätigen die ambivalente Rezeption der Feuerwerke in der Ausstellungssituation.

Der titelgebende Teil der Installation ist ein ebenfalls projizierter, im Internet gefundener Film, der mit dem Bild des Victory-Zeichens vor der palästinensischen Fahne ein in englischer Sprache gesungenes Lied präsentiert, in dem die Ungerechtigkeit der Landnahme Israels,
die Beteiligung Nordamerikas an den dortigen Vorgängen und die Sehnsucht nach Freiheit und Frieden kämpferisch-hoffnungsvoll intoniert wird.

Trotzdem also Fährten gelegt sind, bleibt der Status der Arbeit hinsichtlich dezidierter Aussage, gar Parteilichkeit in der vermeintlich zentralen Thematik dankenswerterweise unklar.

Softić gelingt Weitreichenderes: In der Verschränkung verschiedener Diskurse, dem kunsthistorischen in der Revision tradierter Zeichen, dem phänomenologischen, medienreflexiven in der unscheinbaren, aber nicht unwesentlichen Reflexion der Präsentation filmischer Arbeiten (hier: Im Schwarz als Abwesenheit des Lichts bildet sich ein Lichtmedium ab) mit einem tagespolitischen in der Benennung des Palästinakonflikts, wird eben dieser unspezifisch und zu einem allgemeinen Bild des Wartens, der Hoffnung und der Sehnsucht.


Goesta Dierks



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