SCHLINGE UND KRISTALL SIND AUS DEM GLEICHEN DRUCK ENTSTANDEN
Textem Verlag
Hamburg 2014, 128 pages, 120 x 190 mm

ISBN: 978-3864850844


Supported by Kulturbehörde Hamburg

Design:

Christoph Steinegger / Interkool




Textem Verlag
Hamburg 2014, 128 Seiten, 120 x 190 mm

ISBN: 978-3864850844


Gefördert durch die Kulturbehörde Hamburg

Gestaltung:

Christoph Steinegger / Interkool



Kurzbeschreibung


“Die Tomaten hier schmecken mir einfach nicht. Und die schmecken mir 20 Jahre später immer noch nicht! Diese Beschauung der “falschen” Tomate auf dem Esstisch wird auf eine Art und Weise mystifiziert, symbolisiert und zu einem kleinen aber gewichtigem Denkmal der Entorteten erhoben.”
Adnan Softic befasst sich in seinem Buchprojekt "SCHLINGE UND KRISTALL SIND AUS DEM GLEICHEN DRUCK ENTSTANDEN" mit der komplexen Problematik des Exils. Softics Buch handelt von der Sprachlosigkeit, von der Entortung und Verstimmung des Körpers, vom Durcheinander der Zeiten und von der Anhäufung von Misserfolgen. Es kreist um offene Wunden und stellt die Frage: Was bedeutet Geschichte überhaupt? Die Vertreibung beschreibt er als existentielle Zäsur, und obwohl das Vertrieben-Sein meist eine kollektive Erfahrung ist, bringt es intimste Gefühle der Isoliertheit mit sich. Ab und zu finden sich in den zersplitterten Erfahrungen der Exilanten kristalline Strukturen, aber meistens verknoten und verheddern sich die zerrissenen Fäden der eigenen Geschichte zu Fallstricken und Schlingen.



VORWEG


Dieses Buch befasst sich mit dem Zustand, in den man gerät, wenn man aus der Geschichte hinausgeworfen wird. Grob gesagt, sobald es zu einem Bruch kommt, gerät die Geschichte immer ins Wanken. Die Erzählfäden, die den Lebensweg markieren, reißen oder verknoten sich und das Vergangene kann erst mal nicht mehr verstanden werden. Das sind Zeiten, an denen man sich außerhalb der eigenen Grenzen bewegt.

Im Fokus dieses Buches steht die Hamburger Stadtinsel Veddel. Mental wie räumlich ist sie von der angrenzenden Innenstadt abgeschnitten. In der Vergangenheit war sie oft ein Ausgangspunkt für die Suche nach einem neuen, besseren Leben. Kurz vor der endgütigen Abreise war die Veddel »Port of the Dreams« – von dort aus reisten unzählige Auswanderer ins Ungewisse. Dieser Hafen der Träume ist inzwischen ein Museum.

Mittlerweile ist Hamburg selbst zu einer multikulturellen Ankunftsstadt geworden. Unweit von dem Auswanderungsmuseum, versteckt in der Nebenstraße einer Nebenstraße, befindet sich ein Flüchtlingsheim. Auch sonst leben auf der Veddel hauptsächlich Vertriebene (der ersten, zweiten und dritten Generation). Vertrieben durch einen ökonomischen oder politischen Druck, konnten sie und ihre Nachkommen nie den Zustand des Exils ausreichend überwinden, um sich zu den Angekommenen zu zählen.

Auch meine persönliche Vergangenheit spielt hier eine wichtige Rolle. Vertrieben durch eine nationalistische Aggression, fließt meine Erfahrung in die Betrachtungen mit ein. Mit dem Background begegne ich dieser Thematik und nehme die Veddel zum Anlass, um mich selbst zu überprüfen. Durch Gespräche mit den Anwohnern und Flüchtlingen, durch Zeichnungen und Fotografien versucht das Buch, sich dem eigenartigen Zustand »Exil« zu nähern. Vielleicht findet sich so eine gemeinsame Grundlage und Sprache, um die Geschichte eines Stadtteils erzählen zu können, der von den unterschiedlichsten Ein- und Auswanderergruppen geprägt ist. Über Im-Exil-Sein wurde viel gesagt, aber das Thema ist wichtiger denn je.
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