BIBBY CHALLENGE
THEATER INSTALLATION, 2015, 50 Min

DIRECTOR Adnan Softić
PREMIERE: Februar 2015, Krassfestival, Kampnagel Hamburg

TEXTS, DIRECTION: Adnan Softić CAST: Sachiko Hara, Arijana Suljić, Adnan Softić, Ilhana Verem VIDEO: Nina Softić SOUND: Nika Breithaupt ARCHIV MATERIAL: Marily Stroux TRAINEE: Julius Segeler, Edis Sipal, Elisa Beyer, Saskia Santen

Supported by Kulturbehörde Hamburg

Videolink:
https://vimeo.com/kinolom/bibby-challenge



Short descrption

Refugees on the water. That’s a motif which became representative for an image of the borders of Europe. The uncrossable national borders, which were crossing Europe just two decades before and became a symbol for the state tyranny, didn’t vanish but wandered to the less visible outer borders of Europe. They wandered into the sea.

Another, less known image of refugees on the water are the so called refugee ships: mobile living quarters, which, on demand are easily usable, while they can be demounted or relocated without a trace. In the 90’s there were several refugee ships in Hamburg Övelgönne. In 2015, more refugee ships could stand in Hamburg.

Artist Adnan Softic, who lived on such an accommodation ship, creates along with found footage, while collaborating with other contemporary witnesses, a theatre installation, which examines the motif of refugees on the water and their search for solid ground.

In intense communication with with the then inhabitants of the Bibby Challenge, we develop scenic, multimedia forms of expression from film to photography, performative elements, acting, up to biographic narrations. A document collection emerges, bridging in an emotional and factual way between then and now, offering a very special view into a piece of Hamburgs history.



''As long as the lions don't have their own historians,
the hunting stories will be written by the hunters.''




THEATER INSTALLATION, 2015, 50 Min

REGIE Adnan Softić
URAUFFÜHRUNG: Februar 2015, Krass Festival, Kampnagel Hamburg

TEXT: Adnan Softić MIT: Sachiko Hara, Arijana Suljić, Adnan Softić, Ilhana Verem VIDEO: Nina Softić SOUND: Nika Breithaupt ARCHIVMATERIAL: Marily Stroux HOSPITANZ: Julius Segeler, Edis Sipal, Elisa Beyer, Saskia Santen

Gefördert durch die Kulturbehörde Hamburg

Videolink:
https://vimeo.com/kinolom/bibby-challenge



Kurzbeschreibung

Flüchtlinge auf dem Wasser. Das ist ein Motiv, dass stellvertretend für ein Bild von Grenzen Europas geworden ist. Die unüberschreitbare Landesgrenzen, die noch vor zwei Jahrzehnten Europa durchquert hatten und zu einem Symbol der Staatstyrannei wurden, lösten sich nicht auf, sondern sie wanderten an die weniger sichtbaren Außengrenzen Europas. Sie wanderten ins Meer.  

Ein anderes, weniger bekanntes Bild von Flüchtlingen auf dem Wasser sind sogenannte Flüchtlingsschiffe: Mobile Wohneinheiten, die beim Bedarf leicht einsatzbar, spurlos abbaubar bzw. leicht verschiebbar sind. In den 90-er Jahren gab es in Hamburg Övelgönne eine Reihe solcher Flüchtlingsschiffe. Im Jahr 2015 sind exterritoriale Räume für die Unterbringung von Flüchtlingen, nach wie vor, eine bevorzugte Lösung. 

Der Künstler Adnan Softić, der selbst in einem dieser Wohnschiffe gelebt hatte, entwickelt eine Theater Installation, die das Motiv von Flüchtlingen auf dem Wasser und ihre Suche nach festen Boden untersucht. 

In der intensiven Kommunikation mit den damaligen Bewohnern der Bibby Challenge, sowie mit einem aktuell von der Abschiebung bedrohtem Roma-Mädchen, konzipiert Adnan Softić multimediale szenische Ausdrucksformen, angesiedelt zwischen Film, Fotografie, Zeugnisaussagen, Schauspiel, bis hin zu biografischen Erzählungen. Es entsteht eine poetische Dokumentensammlung, die emotional und faktisch eine Brücke schlägt zwischen Damals und Jetzt.



„Solange die Löwen nicht eigene Historiker haben,
werden die Jagdgeschichten von Jägern geschrieben.“




Textauszüge
               

Alle vier Schiffe wurden verbunden durch die schwingenden Wellen, die von den großen Frachtern, mit Waren aus aller Welt, angestoßen wurden. Die lange Brücke verband das Hamburger Festland mit Menschen vom Wasser.

Meine Damen und Herren, willkommen zur Bibby Challenge!
Wir wollen heute Flüchtlinge und das Wasser zusammen denken. Wieso passen sie so gut zusammen?


_________



Als Flüchtlinge waren wir bis 1993 in einem kleinen Hotel in der Feldstrasse untergebracht, als die Nachricht uns erreichte, dass wir in die Wohnschiffe umziehen müssen. Als wir erfahren haben, dass die Kosten für ein 9 qm Zimmer bei DM 800,- lagen, wollten wir gern das Geld als Gutschein erhalten, um uns dafür eine drei-Zimmer Wohnung zu mieten. Das war nicht möglich.
Bei uns war es sauber, ich kann die Berichte vorhin nicht bestätigen. Wir waren nur eine Community. Es lebten viele mit Familien und es gab so etwas wie Sozialkontolle. Man pflegte die Nachbarschaft. Das war sehr angenehm. Manchmal klopften jemand bei uns an die Tür, um uns ein Teller mit irgendwelchen Köstlichkeiten zu geben. Ich erinnere mich auch an die Möwen, die direkt vor dem Fenster flogen. Ich warf die Essensreste raus und sie fingen sie im Flug auf und kreisten rum, um dann wieder was zu bekommen. Nach einem Zufallsprinzip wurden sie satt. Das war sehr schön. Ausserdem erinnere ich mich, dass irgendwelche junge Leute auf unsere Etage eine große Party geschmissen haben, nur ein Paar Tage nach dem Völkermord in Srebrenica. Es waren junge Bosniaken, die dort gefeiert haben. Mein Nachbar erzählte mir mit entsetzten, dass so ein Volk wie wir es auch nicht verdient hat zu überleben.

Dann gab es diesen blöden Security Service, keiner konnte Dich länger als 2 Stunden besuchen. Dann diese windige feuchte Kälte, um das Schiff herum. Auf dem Schiff, hatte ich zum ersten Mal festgestellt, dass ich auch mit 4 Stunden Schlaf leben kann. Ich fand dann nach ca. 6 Monaten ein Zimmer in Othmarschen für 215,- DM. Meine Probleme sind damit nicht weggegangen, aber ich war sehr froh diesen Schritt gewagt zu haben.
 

_______



Im Sommer war das auch großartig, weil manchmal kam auch der Eismann zu uns runter, und dann hörten wir schon von hunderten Metern das Klingeln vom Eismann, und das war großartig. Alle stürmten aus diesen Schiffen heraus, und alle Kinderfüße die da so rannten brachten das Schiff so ein bisschen ins Wackeln. Und es war ein Geschrei wer sich jetzt so ein Softeis abholt, und zu diesem ganzen Glück was wir hatten das Eis natürlich die Krönung. Manchmal kam auch die Polizei runtergefahren, dann aber in vier VW Bussen gleich. Und sie stürmten gleich aggressiv raus, und wir Kinder spielten ja überall, und wir wussten die Polizei ist gefährlich, die will irgendwie was von uns, und die will uns was Böses. Wir Kinder schrieen also ganz laut: ''Polizei! Polizei! Polizei!''. Und wir sehen schon, ein Fenster geht auf, und da schmeißt jemand eine große Plastiktüte raus, und hinterher springt gleich ein afrikanischer Flüchtling. Der dockte die Plastiktüte irgendwo am Schiff an, und schwamm dann zur Feuerleiter und wartete, bis die Polizei wieder weg war, und dann kam er hoch. Und wir wussten irgendwie als Kinder, ja wir haben unseren Job getan.


____


Nach einiger Zeit auf Bibby Altona zogen wir auf die Bibby Stockholm für zweieinhalb weitere Jahr, und die Bibby Stockholm war schön. Das war das letzte Schiff irgendwie, außen, und wir bekamen ein 15qm großes Zimmer, und innerhalb von diesem Zimmer hatte mein Vater einen kleinen Viertel des Zimmers mit Schränken abgestellt. Und dann entstand noch ein Raum, und dieser Raum war für meinen Bruder und mich, und wir bekamen so ein kleines Kinderzimmer. Das war großartig weil wir hatten zu diesem größeren Zimmer noch unsere eigenes kleines Reich und für uns irgendwie war das toll. WIr hatten mehr Licht in diesem Zimmer, weil unser Fenster direkt zur Elbe guckte, also Richtung Museumshafen, und wir konnten die Schiffe sehen, und wir konnten die Menschen sehen die spazieren gingen, und auch die Möwen. Das war schon luxuriöser für uns. Manchmal wenn ich aber auch aus der Schule kam, war dieses schöne Zimmer abgedunkelt. Das war dann die Zeit in der meine Mutter immer ihre Migräneanfälle bekam.


______


Ich glaube die auf der Ausländerbehörde wissen einfach immer noch nicht die Wahrheit von den Leuten und deswegen machen sie das. Ich glaube einfach, dass die falsche Antworten von den Ländern bekommen. Die verstehen die Situation nicht. Die denken ja immer, dass wir Roma wegen Geld hier hergekommen sind, oder das Land von denen zerstören, und deswegen wollen sie, dass wir weggehen. Aber das ist so falsch. Es gibt Leute, die nicht für Geld gekommen sind. Zum Beispiel wir, wir sind ja nicht für Geld gekommen, wir wollen hier einfach ein ruhiges Leben. Und wenn die zum Beispiel sagen „Ja ihr dürft bleiben“... Wir sind ja auch Menschen, die hier arbeiten und zur Schule gehen können.
Und das ist auch ein Scheißgefühl, dass man sich das immer so erklären muss. Also dich entschuldigen musst für etwas, was du gar nicht getan hast und man muss immer so kämpfen damit die das verstehen.

Ich weiß nicht, also ich weiß, dass die uns wieder zurückschicken, weil Serbien ist ein sicheres Land und die denken, dass wir Roma in Serbien die Hilfe bekommen, aber wir bekommen das nicht. Weil wir wissen, dass der Bürgermeister von Deutschland schickt immer Geld für Roma nach Serbien, aber diese Bürgermeister nehmen das immer für sich. Die geben keine Hilfe zurück. Und ich wünsche, dass ich diesen Mann treffe, und ich werde ihm das Schlimmste sagen. Weil er uns nie hilft. Das würde ich machen.

Inzwischen ist mir der Appetit vergangen und ich kann einfach nicht essen. Ich habe keine Hunger mehr. Einfach keine Lust. Das Essen ist mir nicht so wichtig, wichtig ist mir hierzubleiben. Ja, ist so. Ich will immer dafür kämpfen, dass wir hier bleiben. Und das essen ist halt immer da. Ja! Essen kann man halt immer, aber hier bleiben kann man nicht immer. Und man muss immer die Chance nutzen, die man hat. Und Essen ist immer da. Wohin du gehst, Essen ist immer da.


______


Das ist kein Boot.

Das ist kein Boot.

Das ist auch kein Boot.


Wenn sich alle auf links setzten, dann setz ich mich auf rechts.
Aber, vielleicht ist das gar kein Boot.

Auch das_ ist kein Boot.
Ist das ein Fahrzeug überhaupt?
Könnte man dieses Fahrzeug anhalten, wenn man möchte?
Wir sitzen aber nicht in einem Boot.
Der Staat ist kein Boot.
Und er schwimmt auch nicht.
Im Ozean der Geschichte.


Wie oft wird diese Metapher benutzt?
Und was folgt daraus?
Ein Boot will klar gesteuert werden und wir müssen auf die Bewegungen der Anderen achten.
Denn Bewegungen können verheerend sein.
Wenn sich zu viele nach Links setzten, muss ich mich dann unbedingt nach Rechts verlagern?
Damit wir dann schliesslich in Ruhe weiterfahren können.
Ich mag aber kein Korrektiv für die Anderen sein.
Ich will mich in die Mitte setzten und hoffen, dass irgendwann mal auch die Anderen nachrücken.
Aber eben: Vielleicht sitzen wir gar nicht in einem Boot und ich muss auch nicht warten, dass alle Anderen in die Mitte nachrücken.


Was ist das Leben?
Was ist ein gemeinsames Leben?
Nein, der Staat ist ganz bestimmt nicht der Weg.
Wir geben unser Leben für seinen Weg.
Aber der Weg, das ist doch das Leben selbst.
Der Lebensweg.


[close]