EINE BESSERE GESCHICHTE NR.1
LECTURE PERFORMANCE, 2016

DIRECTOR Adnan Softić
PREMIERE: March 2016, Krass Festival, Kampnagel Hamburg

TEXT: Adnan Softić, Sophie Goltz, Jörg Heiser, Britta Peters CAST: Adnan Softić, Aleksandra Despotović, Oliver Gemballa VIDEO: Helena Wittmann VIDEO EDITING: Nina Softić SOUNDDESIGN: Daniel Dominguez Teruel, Nina Softić






LECTURE PERFORMANCE, 2016

REGIE Adnan Softić
URAUFFÜHRUNG: März 2016, Krass Festival, Kampnagel Hamburg

TEXT: Adnan Softić, Sophie Goltz, Jörg Heiser, Britta Peters MIT: Adnan Softić, Aleksandra Despotović, Oliver Gemballa KAMERA: Helena Wittmann VIDEOSCHNITT: Nina Softić SOUNDDESIGN: Daniel Dominguez Teruel, Nina Softić


Beschreibung


Nichts ist zu teuer, wenn es darum geht, eine Geschichtspolitik zu betreiben, die helfen soll, eine homogene, nationale und nicht etwa multiethnische und anderweitig komplexe Identität zu stiften. Die Storyteller der neu entstandenen Staaten auf der Welt basteln fleißig daran. Die Überschrei- bung der komplexen Vergangenheit mit einer »besseren Geschichte« führt dazu, dass ein Großteil der Bevölkerung geschichtslos, im eigenen Land fremd wird. Sie verwandeln sich so aus Einheimi- schen in Ausländer und werden zu potenziellen Flüchtlingen, Separatisten, Terroristen.
Über welche Bauwerke muss ein Land verfügen, um eine „berechtigte“ Geschichte zu besitzen? Das erinnerungspolitische Vorbild ist die nationale Geschichtsschreibung der Staaten Kerneuro- pas. Ihre Geschichtspflege seit dem 19. Jahrhundert zeigt, dass es mitunter roher Gewalt bedarf, um zu erreichen, dass sich alle Bürger mit der Nation identifizieren und solidarisieren. Die Kom- plexität ist out, mehr denn je. Der erfolgreichste Algorithmus lautet: Staat = Nation = Religion = Sprache = Geschichte.
Ein solcher historischer Idealismus, der Teile der Bevölkerung etwas stummer werden lässt, wird auch in Deutschland bis heute praktiziert: An der Stelle des abgerissenen DDR-Palastes der Repub- lik wächst eine Betonkopie des Hohenzollernschlosses in den Himmel: eine Entscheidung zuguns- ten einer idealisierten Geschichte und gegen eine jüngere, noch gegenwärtige Vergangenheit.
Selbst die offensichtlichsten Imitationen hindern die Touristen und Einwohner nicht daran, sich trotzdem an der “historischen” Architektur zu begeistern. Oder ist das überhaupt wichtig - diese Sache mit dem Original?


Videolink:
https://vimeo.com/kinolom/ebg-vasil



Textauszüge
               

Wie eine Katze, die mit einem Wollknäuel spielt,
wie ein Mädchen, das ein Porzellanpferd streichelt...
Es ist doch alles virtuell.
Die Katze weiß nicht, dass der Wollknäuel eines Tages
durch eine Maus ersetzt wird. So war das Spiel der
Katze schon immer ein sehr ernstes Spiel. Auch das
Mädchen weiß nicht, dass das Porzellanpferd eines
Tages durch etwas anderes ersetzt wird. Mit der Zeit
setzt sich die Maske fest und lässt sich nicht mehr
abnehmen. Man wird zu dem was man nachgeahmt hat. War
ich klar genug? Gibt uns noch eine Weile Zeit um das
zu werden, was wir sein wollen. Das ist unser gutes
Recht.

Der im barocken Stil gebaute Petersplatz in Rom ist
eine Kopie eines Platzes aus der Stadt Jerash in
Jordanien. Ihn hat ein mazedonischer Architekt gebaut
zu Zeiten der großen Eroberungen von Alexander dem
Großen. Was soll das Gerede über das Authentische?
Die Kopien und Stilmischungen gibt es in jeder
wichtigen Stadt dieser Welt.

Wo ist übrigens der Unterschied zwischen Skopje und
Venedig? Venedig ist voll von authentischen Bauten.
Prachtvoll. Doch diese Häuser haben heute einen ganz
anderen Alltag. Diese Kulissenstadt. Ausgehöhlte
Blendwerke, Touristenfängermaschinerie. An extended
shopping mall. Maskerade der Fassaden. Reine
Ausdehnung des Spektakels, wo auch die Echtheit nur
ein Teil des verlogenen Spieles ist... Und das ist
die große Ungerechtigkeit. Skopje ist ganz anders,
Skopje ist wirklicher als Venedig. Vielmehr....
Hinter den Fassaden wird regiert und archiviert. Ihre
Nutzung ist die gleiche, wie seit eh und je.. Und das
ist echt.
Man wirft uns vor, wir gingen nicht mit genügend
Ernsthaftigkeit an diese Sache ran. Gibt es überhaupt
eine Ernsthaftigkeit auf dieser Welt?
Ach, ich könnte euch so viele Beispiele nennen...
Aber die Spielereien der Anderen kränken mich jedoch
nicht. Mich kränkt, dass wir die einzigen sind, an
denen man plötzlich all das bemängelt und belächelt.
Ist euch überhaupt klar was wir erreicht haben? Und
was habt ihr persönlich erreicht?
Wir haben euch immer wieder gefragt und ich frage
euch nochmal: Sagt es mir, wie soll man es richtig
machen? Welches Zeichen sollen wir in die Welt
setzten?






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